Eindrücke von Christa50

Als ich im Heed ankam wurde ich von Udo empfangen, fühlte mich sofort wohl und dazugehörig und hatte keine Berührungsängste, obwohl ich im Gegensatz zu den anderen keinen kannte, da ich im Chat seltener Gast bin.
Chiara fragte mich spontan, ob ich Lust hätte mitzukommen einen Bauernhof zu besuchen, der von einer Wohngemeinschaft von an Korsakow Erkrankten bewirtschaftet wurde.
In einer kleinen Gruppe fuhren wir zu dem Bauernhof. Ein junger Mann mit einem charmanten französischen Akzent begrüßte uns. Er war der Mitbegründer und Projektleiter des Bauernhofes. Den Namen habe ich vergessen, ich nenne ihn mal Pierre (er heißt Didier Bailly). Das Projekt auf dem Bauernhof Müllerheide existiert seit ca. 4 Jahren.
Der Bauernhof, von überschaubarer Größe, besteht aus einer Scheune, Ställe für Schweine und Hühner und einer Weide für ein paar Rinder. Die dort gewonnenen Produkte werden auf dem öffentlichen Markt verkauft, um den Etat etwas aufzubessern.
Das Wohnhaus ist ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus dessen Räume gemeinschaftlich genutzt werden. Dahinter, in einem neuen Anbau, befinden sich die einzelnen Privatzimmer.
Pierre erklärte uns, dass jeder Bewohner seine Aufgaben (Arbeit im haus- und landwirtschaftlichen Bereich) entsprechend seiner Fähigkeiten hat. Zwei Betreuerinnen stehen ihm, dem als ausgebildeten Altenpfleger zur Seite.
Um den Respekt voreinander zu wahren, wird zwischen Pierre und den Bewohnern im Gespräch die Sieform angewendet. Er ließ durchblicken, dass ihm die Achtung vor dem Menschen sehr wichtig war. Er machte einen abgeklärten und konsequenten Eindruck auf mich. Sehr sympathisch.
Bei einem Rückfall wird der Betroffene sofort zum Ausnüchtern in die nahe gelegene Klinik gebracht, weil es auf dem Bauernhof keine medizinische Versorgung gibt. Die Einrichtung dient nicht ausschließlich der Rehabilitation, als eher einer Wohn- und Lebensgemeinschaft für ein menschenwürdiges Leben von Behinderten. Obwohl es auch Einzelne gibt, die den Versuch, allein außerhalb der Einrichtung zu leben, unternehmen.
Die finanziellen Mittel für die Einrichtung werden größtenteils vom Landschaftsverband getragen. Dafür will der Landschaftsverband natürlich auch Erfolge sehen, in der Form, dass diese Menschen wieder in die Gesellschaft integriert werden und ausziehen.
Durch jahrelangen Alkoholmißbrauch wird das Gehirn dermaßen geschädigt (Korsakow), dass bereits ein geregelter Tagesablauf (aufstehen, waschen, anziehen, essen) ein Erfolg ist.
Der Tagesablauf: Frühstück - Arbeit - Mittagspause - Arbeit - Feierabend um ca. 18 Uhr, danach Freizeit.
Einzige Alternative für Korsakow-Erkrankte ist das Altersheim, was sehr kostenintensiv ist. Der Betroffene kann dort nur ungefordert und -gefördert auf seinen Tod warten. Wir lernten dort eine 45-jährige Frau kennen, die aus dem Altersheim in diese Einrichtung kam. Sie war sauber gekleidet und frisiert ebenso freundlich und gesprächsbereit. Ihre Aufgabe war es für sauberes Geschirr zu sorgen, mit Hilfe einer Spülmaschine. Ich fragte mich, ob sie wohl ohne Alkoholmißbrauch auch wie eine 60-Jährige ausgesehen hätte.
Die andere Frau, die uns vorgestellt wurde hatte einen Schlaganfall erlitten, saß im Rollstuhl, hatte aber gute Fortschritte im Sprechen gemacht.
Von den 13 Bewohnern haben wir vier Männer und zwei Frauen kennengelernt.
Pierre führte uns durch das Fachwerkhaus, währenddessen uns ein kleiner quirliger Hund begleitete. Das Mobiliar passte prima zu dem Stil des Fachwerkhaus und erinnerte an längst vergangenen Zeiten. Der Boden eines Zimmers neigte sich in der Mitte zu einer Kuhle (wie ein altes französiches Bett).
In der Küche angekommen kochte ein bärtiger Mann Kaffee. Wir waren zu Kaffee und Kuchen eingeladen, den dieser Mann gebacken hatte, wie sich später herausstellte. Pierre fragte diesen Mann, ob er etwas von sich erzählen wollte. Er wollte nicht, was ich gut verstand.
Vorgesehen war wohl, dass wir untereinander ins Gespräch kommen würden. Die gegenseitige Scheu war groß, so dass die vier Männer an einem separaten Tisch in einer sicheren Einheit zusammen saßen. Nur die bereits bekannte 45-jährige Frau saß bei uns am Tisch und verhielt sich sich sehr offen und gesprächsbereit uns gegenüber. Diese Offenheit machte mich aus irgendeinem Grund betroffen. Wahrscheinlich fühlte ich, wie viele Vorbehalte ich eigentlich gegenüber den Bewohnern hatte und ich wußte auch nicht was ich erzählen sollte. Als wir gingen, gab ich jedem der vier Männer die Hand, obwohl ich bereits auf den Tisch zum Gruße geklopft hatte. Sie luden uns zum Sommerfest ein.
Pierre(Didier) bemerkte das Unwohlsein bei mir und fragte, was denn sei. Ich redete mich irgenwie heraus.
Jetzt habe ich Angst, jemals so abzusteigen, wenn ich wieder rückfällig werden würde. Dieser Besuch ging nicht spurlos an mir vorbei. Trotzdem bin ich froh, da gewesen zu sein.
Diese Einrichtung ist ein Trost und eine Chance für die Erkrankten aber wer noch die Wahl hat...................................
PS: Es stehen bereits vier Leute auf der Warteliste.
Vielen Dank an Chiara, Udo und Ben.
Christa